Tartine Country Bread – Handwerkliches Sauerteigbrot nach Chad Robertson
Tartine Country Bread – das Sauerteigbrot, das eine ganze Backbewegung auslöste. Chad Robertsons Rezept aus der legendären Tartine Bakery in San Francisco steht für alles, was handwerkliches Brot ausmacht: eine tiefbraune, knisternde Kruste, eine offene Krume mit großen, unregelmäßigen Poren und ein komplexes Aroma, das nur durch lange, kalte Fermentation entsteht. Kein Kneten, kein Stress – nur Mehl, Wasser, Salz und ein aktiver Sauerteig, der über Nacht im Kühlschrank die Arbeit übernimmt. Dieses Rezept führt Sie Schritt für Schritt durch den gesamten Prozess – vom Levain-Ansatz am Mittag bis zum fertigen Brot am nächsten Morgen.
In der Welt des handwerklichen Brotbackens gibt es ein Vorher und ein Nachher – und der Wendepunkt heißt Chad Robertson. Sein Buch Tartine Bread, 2010 in San Francisco veröffentlicht, war nicht das erste Buch über Sauerteigbrot. Aber es war das erste, das eine ganze Generation von Hobby-Bäckern in aller Welt erfasste und ihre Vorstellungen von dem, was zuhause möglich ist, fundamental veränderte. Heute gibt es Tartine-inspirierte Bäckereien in Tokio, Berlin, Sydney, Stockholm und Buenos Aires. Es gibt Instagram-Kanäle, die seit Jahren nichts anderes zeigen als immer perfektere Tartine-Brote. Es gibt mehrere Generationen von Profibäckern, die ihr Handwerk explizit aus diesem einen Buch gelernt haben.
Was macht dieses Rezept so besonders? Es ist nicht eine einzelne Innovation – es ist die Kombination aus vier scheinbar einfachen Techniken, die alle gemeinsam erst das volle Ergebnis erzeugen: hohe Wassermenge im Teig (75 %), Stretch-and-Fold statt traditionellen Knetens, eine lange, kalte Übernachtgärung und das Backen unter Dampf in einem geschlossenen Topf. Jede dieser Techniken existierte vorher in irgendeiner Form – Robertson hat sie zu einem präzise abgestimmten System verbunden und so beschrieben, dass auch Amateure es nachvollziehen können.

Der Zeitplan auf einen Blick
Tartine ist ein entspanntes Zwei-Tage-Projekt – die aktive Arbeit ist überschaubar, den Rest erledigt die Zeit:
- Tag 1, mittags: Sauerteig-Ansatz (Levain) auffrischen und 4–5 Stunden reifen lassen.
- Tag 1, abends: Autolyse, Salz einarbeiten, rund 3 Stunden Gare mit Stretch-and-Fold, dann formen.
- Über Nacht: 10–12 Stunden kalte Stückgare im Kühlschrank (4–6 °C / 39–43 °F).
- Tag 2, morgens: Ofen mit Topf vorheizen, einschneiden, unter Dampf backen.
San Francisco, Robertson und die Bäckerei-Revolution
Chad Robertson ist nicht Koch, sondern Bäcker durch und durch. Er lernte sein Handwerk in den 1990er-Jahren bei Richard Bourdon in Berkshire, Massachusetts – einem legendären amerikanischen Bäcker, der wiederum bei den großen französischen Boulangeren des Südwestens gelernt hatte. Robertson verbrachte danach mehrere Jahre in Frankreich, in kleinen Landbäckereien der Bretagne und der Provence, lernte die alten Techniken und experimentierte mit neuen Ansätzen.
2002 gründete er zusammen mit seiner Frau Elisabeth Prueitt (einer ausgebildeten Pâtissière) die Tartine Bakery im Mission District in San Francisco. Die kleine Bäckerei wurde innerhalb weniger Monate zum Geheimtipp, dann zum Pflichtbesuch jedes Brot-Liebhabers in der Bay Area. Robertsons Country Bread – ein rundes Boule aus Weizenmehl und etwas Vollkornanteil – wurde sein Aushängeschild und führte zu der berüchtigten Tartine-Schlange, die täglich ab Nachmittag vor der Bäckerei stand, weil das Brot nur einmal am Tag aus dem Ofen kam und schnell verkauft war.
Robertson kombinierte zwei Schulen: die französische Handwerks-Tradition mit langer Gare, natürlicher Hefekultur und Dampfbacken – und die amerikanische Experimentierfreude mit hohem Wassergehalt im Teig, langen kalten Gärphasen im Kühlschrank und Stretch-and-Fold als Alternative zum klassischen Kneten. Was er damit erreichte, war eine offene, luftige, glänzende Krume, wie sie bis dahin fast nur in den allerbesten französischen Bäckereien zu finden war.

Hydratation – warum 75 % Wasser
Der erste Schlüssel ist die Hydratation: das Verhältnis von Wasser zu Mehl, ausgedrückt in Prozent. Traditionelle deutsche Brote liegen bei 55–65 % Hydratation – relativ feste Teige, die sich gut kneten und formen lassen. Tartine arbeitet mit 75 %, was zu einem deutlich klebrigeren, weicheren, fast fließenden Teig führt. Das ist anfangs gewöhnungsbedürftig: Der Teig klebt an den Händen, lässt sich nicht in die Hand nehmen, wirkt fast wie ein zu dünner Pfannkuchenteig.
Warum macht man das? Weil mehr Wasser im Teig zu mehr Wasser in der fertigen Krume führt – und Wasser ist genau das, was beim Backen verdunstet und die großen Luftblasen erzeugt, die das offene Krumenbild des Tartine-Brotes ausmachen. Ein Teig mit 60 % Hydratation kann diese großen Blasen einfach nicht bilden – er hat nicht genug Feuchtigkeit, um sie zu produzieren und zu stabilisieren.
Die hohe Hydratation hat aber einen Preis: Der Teig lässt sich nicht traditionell kneten. Hier kommt die zweite Schlüsseltechnik ins Spiel.
Stretch-and-Fold – das Kneten ohne Kneten
Stretch-and-Fold ist die zweite Säule der Tartine-Methode. Statt den Teig fünf oder zehn Minuten lang am Stück zu kneten, wird er alle 30 Minuten ein einziges Mal kurz gefaltet. Mit befeuchteten Händen wird ein Stück Teig vom Rand der Schüssel vorsichtig nach oben gezogen und zur Mitte gefaltet – einmal, zweimal, dreimal, viermal, um die Schüssel herum. Das war’s. Dann Deckel drauf, 30 Minuten warten, wiederholen.
Insgesamt werden so vier bis sechs Stretch-and-Fold-Runden in den ersten zwei bis drei Stunden gemacht. Das Ergebnis: Der zunächst zähflüssige Teig wird mit jeder Runde elastischer, fester, glatter. Er entwickelt Gluten-Strukturen, ohne dass die Teigtemperatur durch Kneten erwärmt wird. Und er wird schonend behandelt, sodass die feinen Luftblasen, die die natürliche Hefe-Aktivität bereits erzeugt, nicht zerstört werden.
Hier ein paar wichtige Punkte zur Technik:
- Hände nass machen vor jeder Faltung – damit der Teig nicht an den Fingern kleben bleibt
- Sanft arbeiten – nicht ziehen oder reißen, sondern den Teig sich selbst dehnen lassen
- Vier Faltungen pro Runde reichen – nicht mehr nötig, das ergibt sonst zu festen Teig
- Konsequente Intervalle – jede 30 Minuten, nicht länger warten, sonst wird der Effekt schwächer
Die kalte Übernachtgärung – warum sie alles verändert
Die dritte Säule ist die kalte Übernachtgärung, auf Englisch cold retard. Nach der ersten Gärphase bei Zimmertemperatur (etwa 4–5 Stunden, in denen die Stretch-and-Folds gemacht werden) wird der Teig geformt zur Boule und in einen Gärkorb mit Leinen-Auskleidung gegeben. Dann kommt er für 10–12 Stunden in den Kühlschrank bei 4–6 °C (39–43 °F).
Was passiert dort? Die Hefe-Aktivität verlangsamt sich dramatisch, fast bis zum Stillstand – der Teig geht nicht mehr stark auf. Die Milchsäure- und Essigsäurebakterien des Sauerteigs arbeiten aber bei Kälte besser und produzieren langsam, langsam ihre Säuren und Aromastoffe. Das Ergebnis am nächsten Morgen: ein Teig, der kaum größer geworden ist, aber ein vielschichtiges, komplexes Aroma entwickelt hat. Genau diese langsame Aromabildung ist es, die das Tartine-Brot vom durchschnittlichen Sauerteigbrot unterscheidet.
Ein zweiter Effekt: Der kalte Teig lässt sich am Morgen deutlich besser einritzen und in den Topf befördern als ein warmer, weicher Teig. Die Form bleibt erhalten, die Schnitte mit der Rasierklinge öffnen sich sauber, das Brot behält seine Boule-Form während des Backens.
Backen unter Dampf – warum die geschlossene Form
Die vierte Säule: Backen unter Dampf in einem geschlossenen gusseisernen Topf (auf Englisch Dutch oven oder einfach cocotte). Der Topf wird leer im Ofen bei 260 °C (500 °F) vorgeheizt, mindestens eine Stunde lang. Wenn er glühend heiß ist, kommt der kalte Teig hinein, der Deckel sofort wieder drauf, und so backt das Brot die ersten 20 Minuten unter Dampf.
Warum das? In dieser ersten Phase verdunstet das Wasser aus dem Teig in den geschlossenen Topf, kann aber nicht entweichen. Es bildet sich eine dichte Dampfwolke, die zwei Dinge bewirkt: Erstens hält sie die Brotoberfläche lange feucht und elastisch, sodass das Brot maximal aufgehen kann, bevor sich eine Kruste bildet. Zweitens entstehen durch den Dampf chemische Reaktionen an der Oberfläche, die später zur glänzenden, karamellisierten Kruste führen.
Nach 20 Minuten wird der Deckel abgenommen, die Temperatur auf 230 °C (446 °F) reduziert, und das Brot backt weitere 15–20 Minuten ohne Dampf, bis die Kruste tief dunkelbraun ist – fast schon ein bisschen zu dunkel nach deutschem Empfinden, aber genau richtig nach Tartine-Standard. Diese dunkle, fast schwarze Kruste ist Geschmacksträger, nicht Geschmacksverderber.

Der Sauerteig-Starter – das Fundament
Ohne aktiven, gesunden Sauerteig-Starter (auf Englisch levain, in deutschen Bäckereien Anstellgut) funktioniert kein Tartine. Wer noch keinen hat, beginnt am besten 2–3 Wochen vor dem ersten Backen mit einer eigenen Kultur: täglich 20 g Roggenmehl + 20 g Vollkornweizenmehl + 40 g Wasser zur Hälfte des vorherigen Starters zugeben, gut mischen, abgedeckt bei Zimmertemperatur stehen lassen. Nach 7–10 Tagen sollte er aktiv, blasenwerfend und mit leicht säuerlich-fruchtigem Duft sein.
Für jedes Tartine-Brot wird am Vorabend ein frischer Levain aus dem Starter angefüttert: 1 EL Starter + 100 g Mehl + 100 g Wasser in einem Glas, abgedeckt 8–12 Stunden bei Zimmertemperatur stehen lassen. Am Morgen sollte er verdoppelt im Volumen, blasig und mit fruchtigem Duft sein – dann ist er bereit für den Teig.
Häufige Fragen
Brauche ich unbedingt einen gusseisernen Topf?
Sehr empfohlen, aber nicht zwingend. Eine gusseiserne Cocotte mit etwa 4–5 Liter Volumen und gut schließendem Deckel ist die ideale Lösung – sie speichert Hitze und hält den Dampf perfekt drin. Notlösungen: ein Backstein mit einer Edelstahlschüssel als Deckel für die ersten 20 Minuten. Oder ein vorgeheiztes Backblech mit einer Schüssel kochendem Wasser auf dem Ofenboden für Dampf. Die Ergebnisse sind weniger spektakulär, aber durchaus gut.
Was, wenn der Teig zu klebrig ist und ich ihn nicht formen kann?
Das ist normal bei 75 % Hydratation. Hände konsequent feucht halten, einen Teigschaber verwenden, am Anfang weniger Wasser nehmen (z. B. 70 %) und sich an die volle Menge herantasten. Auch das Mehl macht den Unterschied: ein Mehl mit höherem Eiweißgehalt verträgt mehr Wasser besser.
Warum öffnen sich meine Schnitte nicht?
Drei häufige Ursachen: (1) Teig zu warm beim Einschneiden – kalt aus dem Kühlschrank schneidet besser. (2) Klinge nicht scharf genug – nur eine frische Rasierklinge oder eine Bäckerklinge (Lame) macht saubere, tief eindringende Schnitte. (3) Nicht tief genug geschnitten – die Schnitte sollten etwa 1 cm (⅜ in) tief in den Teig gehen, nicht nur die Oberfläche ritzen.
Wie lange hält das fertige Brot?
Frisch angeschnitten ist es 2–3 Tage besonders saftig und hält sich insgesamt 3–4 Tage, danach wird die Krume trockener (aber immer noch sehr lecker zum Toasten oder für Bruschetta). Im Brotkasten oder in einem Leinensack lagern – nie in Plastikbeuteln, das macht die Kruste weich. Wer es länger aufheben möchte: scheibenweise einfrieren und bei Bedarf direkt aus dem Tiefkühler in den Toaster.
Welches Mehl sollte ich verwenden?
Klassisch wird eine Mischung aus Weizenmehl Type 812 oder 1050 (für Charakter und Farbe) plus Vollkornweizenmehl (für Aroma) und gegebenenfalls etwas Roggenmehl (für Säure-Charakter) verwendet. Typische Tartine-Mischung: 90 % helles Weizenmehl, 10 % Vollkornweizen. Im Levain wird oft mehr Vollkorn verwendet, weil die natürlichen Hefen darauf besser wachsen.
Was, wenn mein Brot zu sauer schmeckt?
Zu sauer wird Tartine meist durch zu lange Kühlschrank-Gare (über 18 Stunden) oder zu reifen Levain beim Mischen. Lösungen: kürzere Kalt-Gare (10–12 Stunden), frischeren Levain (er sollte verdoppelt, aber noch nicht zusammengefallen sein) oder mehr Roggenanteil im Levain für mehr Komplexität – paradoxerweise wirkt mehr Roggen oft weniger sauer als zu viel Hefe-Aktivität auf Weizen.
Warum ist mein Brot nicht aufgegangen (kein Oven Spring)?
Das liegt meist an zwei Faktoren: Entweder ist der Teig überknetet oder zu lange gegangen (Overproofing), sodass die Hefe ihre Kraft verloren hat, oder der Ofen war beim Start nicht heiß genug. Achten Sie darauf, dass der Topf mindestens 30–45 Minuten (besser eine Stunde) mit dem Ofen vorgeheizt wurde – nur so entsteht der maximale Hitze-Schock, der das Brot aufspringen lässt.
Mein Brot ist flach und hat keine „Löcher“ im Inneren – was habe ich falsch gemacht?
Eine flache Form deutet oft auf zu wenig Spannung beim Formen (Shaping) oder eine zu kurze Gärzeit hin. Wenn die großen Blasen fehlen, war die Bulk Fermentation zu kurz. Achten Sie darauf, dass der Teig sein Volumen während der Gare um etwa 20–30 % vergrößert hat und sich luftig („billowy“) anfühlt, bevor Sie ihn formen. Ein Fingertest hilft: sanft hineindrücken – richtet sich der Teig langsam wieder auf, ist er bereit; bleibt die Delle, ist er übergangen.
Darf ich die Kruste so dunkel backen?
Ja, absolut! Das Tartine-Brot lebt von einer kräftigen, dunkelbraunen Kruste. Diese Karamellisierung ist nicht verbrannt, sondern Ergebnis der natürlichen Bräunung beim Backen – genau hier sitzen die intensiven Röstaromen, die diesen Brottyp so einzigartig machen.
Kann ich den Teig über Nacht im Kühlschrank lagern?
Definitiv – das ist sogar der Profi-Trick dieses Rezepts! Die kalte Gare im Kühlschrank (hier 10–12 Stunden) verbessert das Aroma enorm und macht den Teig beim Einschneiden stabiler. Das Brot bekommt dadurch eine komplexere Säurestruktur und eine schönere Kruste.
Servieren und Genießen
Frisch aus dem Ofen sollte das Brot mindestens eine Stunde, besser zwei Stunden auskühlen, bevor es angeschnitten wird – sonst ist die Krume noch zu feucht und elastisch, das Brot lässt sich nicht sauber schneiden. Während des Auskühlens knistert die Kruste hörbar – ein wunderschöner Bäcker-Soundtrack.
Tartine schmeckt pur am besten: eine dicke Scheibe, gutes Salzbutter, vielleicht ein dünner Schnitt Tomate mit Olivenöl und Meersalz. Auch hervorragend zu kräftigem Käse (gereifter Comté, Manchego, alter Gouda), zu Pasten und Aufstrichen (Hummus, Tapenade, Frischkäse-Mischungen), als Toast für Avocado-Brot oder als Begleitung zu Suppen mit etwas Olivenöl beträufelt.
Klassische Tartine-Sandwiches in San Francisco: kräftiges Country Bread, Avocado, Tomate, Mozzarella, Basilikum und Olivenöl. Oder: Schinken, Comté, etwas Senf, Cornichons. Mit so einer Brotbasis schmeckt jedes belegte Brot besonders.

Aufbewahrung und Tipps
Fertiges Tartine hält sich 3–4 Tage in einem Leinensack oder Brotkasten bei Zimmertemperatur. Die Kruste wird mit der Zeit etwas weicher, die Krume etwas trockener – beides ist normal und macht es zu einem wunderbaren Toast-Brot oder zum Aufbacken im Ofen.
Einfrieren: Sehr gut möglich. Am besten scheibenweise eingefroren, dann lassen sich einzelne Scheiben bei Bedarf entnehmen und direkt im Toaster aufbacken. Ein ganzes Brot kann auch gefroren werden und über Nacht im Kühlschrank auftauen, dann am Backtag bei 200 °C (392 °F) für 5 Minuten aufgefrischt.
Auffrischen trockener gewordener Brote: mit Wasser besprühen, 5 Minuten bei 200 °C (392 °F) in den Ofen, dann ist die Kruste wieder knusprig.
Reste sind Gold: für Panzanella (toskanischer Brotsalat), Ribollita (Brot-Bohnen-Suppe), Pappa al pomodoro (Tomaten-Brot-Suppe) oder als selbstgemachte Croûtons für Suppen und Salate.
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Tartine Country Bread – Handwerkliches Sauerteigbrot nach Chad Robertson
Kochutensilien
- große Rührschüssel mindestens 3 Liter Fassungsvermögen
- Teigschaber oder Teigkarte
- Küchenwaage zum präzisen Abwiegen
- 2 Gärkörbchen (Banneton) Ø 20-22 cm (9 in), rund, oder ovale Gärkörbchen
- Leintücher oder saubere Geschirrtücher zum Auskleiden der Gärkörbchen
- Pizzastein oder Backblech zum Backen
- Backdeckel oder Bräter z. B. Cloche, Brotglocke, großer Emailletopf mit Deckel oder gusseiserner Dutch Oven
- Brotschießer oder flaches Backblech
- Rasiermesser, Lame oder scharfes Messer zum Einschneiden
- Frischhaltefolie oder feuchtes Tuch
- Sprühflasche optional, falls kein Backdeckel verwendet wird
Zutaten
Für den Sauerteig-Ansatz (Levain)
- 70 g aktiver Weizensauerteig-Starter 100 % Hydratation, aufgefrischt und aktiv
- 70 g Weizenmehl Type 550 oder 812
- 70 g lauwarmes Wasser ca. 25-30 °C (77–86 °F)
Für den Hauptteig
- 200 g gereifter Sauerteig-Ansatz vom obigen Levain, nach 4-5 Stunden Reife
- 1000 g Weizenmehl Type 550 oder 812, eventuell mit bis zu 100 g Vollkornmehl
- 750 g Wasser aufgeteilt in 700 g + 50 g
- 20 g Salz
Zum Bestäuben der Gärkörbchen
- ca. 50 g Roggenmehl oder Reismehl zum Bemehlen der Tücher
- ca. 30 g Hartweizengrieß (Semola) optional, verhindert Ankleben
Anleitungen
TAG 1: SAUERTEIG-ANSATZ AUFFRISCHEN (MITTAGS, CA. 12:00 UHR)
- In einem sauberen Glas 70 g aktiven Weizensauerteig-Starter, 70 g Weizenmehl und 70 g lauwarmes Wasser verrühren. Das Glas locker abdecken (z. B. mit einem Deckel, der nicht ganz zugedreht ist) und bei Raumtemperatur (ca. 20-22 °C (68–72 °F)) etwa 4-5 Stunden reifen lassen, bis der Ansatz sein Volumen verdoppelt hat, aktiv sprudelt und einen angenehm säuerlichen Geruch hat.
AUTOLYSE: MEHL UND WASSER MISCHEN (CA. 18:00 UHR)
- In einer großen Schüssel 200 g des gereiften Sauerteig-Ansatzes (Levain) mit 700 g Wasser verrühren, bis die Mischung milchig und gleichmäßig ist. Die gesamten 1000 g Mehl zugeben und mit den Händen oder einem Löffel so lange mischen, bis alles Mehl eingearbeitet ist und keine trockenen Stellen mehr vorhanden sind. Das Teig wird noch etwas klumpig und ungleichmäßig aussehen – das ist normal.
- Die Schüssel mit Frischhaltefolie oder einem feuchten Tuch abdecken und 30 Minuten bei Raumtemperatur ruhen lassen. Diese Phase heißt Autolyse: Das Mehl nimmt Wasser auf, Gluten beginnt sich zu entwickeln, ohne dass mechanische Bearbeitung nötig ist.
SALZ ZUGEBEN UND TEIG SAMMELN (CA. 18:30 UHR)
- Nach 30 Minuten die restlichen 50 g Wasser zusammen mit 20 g Salz über den Teig gießen. Mit nassen Händen das Salz in den Teig einarbeiten, indem Sie den Teig von allen Seiten zur Mitte hin falten und leicht drücken. Der Teig wird zunächst sehr nass und auseinanderlaufen – einfach weiter falten. Nach etwa 2-3 Minuten sammelt sich der Teig und wird geschmeidiger.
- Die Schüssel abdecken und den Teig für die nächsten 3 Stunden bei Raumtemperatur gehen lassen (Gare). In dieser Zeit wird der Teig alle 30 Minuten gefaltet (Stretch & Fold), insgesamt 4 Durchgänge in den ersten 2 Stunden.
STRETCH & FOLD (ALLE 30 MINUTEN, 4x IN 90 MINUTEN)
- Erste Faltung (18:30 Uhr): Mit nassen Händen eine Seite des Teiges greifen, nach oben ziehen (bis der Teig spannt, aber nicht reißt) und zur Mitte falten. Die Schüssel um 90° drehen und wiederholen. Insgesamt 4-mal falten (Norden, Osten, Süden, Westen). Schüssel abdecken.
- Zweite Faltung (19:00 Uhr): Wie oben, aber diesmal spüren Sie schon mehr Struktur im Teig. Dritte Faltung (19:30 Uhr): Der Teig ist jetzt deutlich elastischer und lässt sich besser dehnen. Vierte und letzte Faltung (20:00 Uhr): Sehr vorsichtig falten, da der Teig bereits viel Luft enthält. Nach dieser letzten Faltung den Teig abgedeckt für die restliche anderthalb Stunde (bis 21:30 Uhr) in Ruhe gehen lassen.
TEIG TEILEN UND VORFORMEN (CA. 21:30 UHR)
- Die Arbeitsfläche leicht mit Mehl bestäuben. Den Teig vorsichtig auf die Arbeitsfläche kippen und mit einem Teigschaber in zwei gleich große Teile teilen (je ca. 1000 g).
- Jedes Teigstück mit dem Teigschaber zu einer runden Kugel formen: Von außen nach innen unter den Teig greifen und zur Mitte ziehen, dabei die Oberseite straffen. Einige Male wiederholen, bis eine runde, gespannte Kugel entsteht. Die Teiglinge mit der glatten Seite nach oben auf die bemehlte Arbeitsfläche legen, mit einem Tuch oder einer Folie abdecken und 30 Minuten ruhen lassen (Teigruhe / Bench Rest).
ENDFORMEN (CA. 22:00 UHR)
- Einen Teigling mit der glatten Seite nach unten auf eine leicht bemehlte Arbeitsfläche legen. Den Teig zu einem Rechteck ausbreiten (ohne zu stark zu drücken, damit die Luft erhalten bleibt).
- Die untere Kante um etwa ein Drittel nach oben falten und leicht andrücken. Die linke und rechte Seite jeweils zur Mitte hin einschlagen. Dann die obere Kante nach unten rollen und dabei den Teig straffen. Die Naht fest verschließen, indem Sie die Kanten zusammendrücken.
- Den geformten Teigling mit der Nahtseite nach oben in ein vorbereitetes, gut bemehltes Gärkörbchen legen (siehe nächster Schritt). Mit dem zweiten Teigling genauso verfahren.
GÄRKÖRBCHEN VORBEREITEN UND KALTE STÜCKGARE
- Die Gärkörbchen (Banneton) mit sauberen Leintüchern oder Geschirrtüchern auskleiden. Die Tücher großzügig mit einer Mischung aus Roggenmehl (oder Reismehl) und Hartweizengrieß (Semola) einreiben – das verhindert, dass der Teig am Tuch klebt.
- Die geformten Teiglinge mit der Nahtseite nach oben in die Gärkörbchen legen. Mit Frischhaltefolie abdecken und im Kühlschrank (ca. 4-6 °C (39–43 °F)) für 10-12 Stunden (über Nacht) gehen lassen. Die kalte Gare entwickelt Geschmack und Struktur, und der Teig wird fester, was das Einschneiden erleichtert.
TAG 2: BACKEN (CA. 09:00-10:30 UHR)
- Den Ofen zusammen mit einem Pizzastein (oder einem umgedrehten Backblech) und einem Backdeckel (Cloche, Brotglocke oder großem gusseisernen Topf mit Deckel) auf die mittlere Schiene stellen. Den Ofen auf die höchste Temperatur aufheizen (260 °C (500 °F) Ober-/Unterhitze oder 240 °C (464 °F) Umluft) und mindestens 30-45 Minuten vorheizen, damit der Stein und der Deckel richtig heiß sind.
- Ein Brot aus dem Kühlschrank nehmen (das zweite bleibt vorerst im Kühlschrank). Ein Stück Backpapier auf einen Brotschießer oder ein flaches Backblech legen. Das Gärkörbchen vorsichtig umstülpen und das Brot auf das Backpapier gleiten lassen.
- Mit einem sehr scharfen Messer, einer Lame oder einem Rasiermesser das Brot schnell und entschlossen einschneiden: Ein etwa 1 cm (⅜ in) tiefer, leicht schräger Schnitt über die gesamte Länge (klassischer „Ear“-Schnitt) oder ein einfaches Kreuz. Das Einschneiden sollte zügig erfolgen, damit der Teig nicht zusammenfällt.
- Das Brot mit dem Backpapier auf den heißen Pizzastein gleiten lassen. Sofort mit dem heißen Backdeckel abdecken (Vorsicht, sehr heiß – Ofenhandschuhe verwenden!). Die Ofentür schließen und 20 Minuten backen. Der Deckel sorgt für Dampf, der die Kruste knusprig und die Krume luftig macht.
- Nach 20 Minuten den Backdeckel vorsichtig entfernen (Dampf entweicht – Vorsicht!) und die Temperatur auf 230 °C (446 °F) (210 °C (410 °F) Umluft) reduzieren. Das Brot weitere 15-20 Minuten backen, bis die Kruste tief goldbraun und karamellisiert ist. Das fertige Brot klingt beim Klopfen auf die Unterseite hohl.
- Das Brot aus dem Ofen nehmen und auf einem Kuchengitter vollständig abkühlen lassen (mindestens 1-2 Stunden). Während das erste Brot abkühlt, den Backdeckel zurück in den Ofen legen, die Temperatur wieder auf 260 °C (500 °F) erhöhen und den Ofen erneut aufheizen. Nach etwa 30 Minuten das zweite Brot aus dem Kühlschrank nehmen und wie das erste backen.


Notizen
- Hohe Hydratation (75 %): Macht die Krume offen, feucht und glänzend.
- Stretch & Fold statt Kneten: Entwickelt Gluten sanft, ohne den Teig zu überarbeiten.
- Kalte Übernachtgärung: Intensiviert Geschmack und Aroma.
- Dampfbacken unter einem Deckel: Erzeugt eine dicke, karamellisierte Kruste.
- Offener, luftiger Krume: Große, ungleichmäßige Poren („Open Crumb“).
- Feuchter, länger frischer Krume: Das Brot trocknet langsamer aus.
- Knusprigerer Kruste: Mehr Wasser = mehr Dampf beim Backen.
- Geschmacksentwicklung: Milchsäurebakterien arbeiten langsam weiter, entwickeln komplexe Aromen.
- Festerer Teig: Kälte macht den Teig weniger klebrig, leichter zu handhaben und einzuschneiden.
- Flexibilität: Sie können morgens backen, ohne mitten in der Nacht aufstehen zu müssen.
- Messer oder Lame in einem Winkel von ca. 30° ansetzen.
- Schnell und entschlossen schneiden, etwa 1 cm (⅜ in) tief.
- Nicht sägen, sondern in einer fließenden Bewegung durchziehen.
- Klassische Muster: Ein langer, leicht schräger Schnitt über die gesamte Länge, ein Kreuz, ein Quadrat.
- Teig zu klebrig: Mehr Mehl auf die Arbeitsfläche, Hände häufiger anfeuchten. Oder: 10-20 g weniger Wasser verwenden (besonders für Anfänger).
- Teig fällt beim Einschneiden zusammen: Übergare (zu lange Gare). Nächstes Mal die Gare um 1-2 Stunden verkürzen.
- Teig geht im Ofen nicht auf: Untergare (zu kurze Gare) oder Sauerteig nicht aktiv genug. Sauerteig vor Verwendung testen: Ein Löffel Levain sollte in Wasser schwimmen („Float-Test“).
- Kruste zu hell: Ofen war nicht heiß genug, oder Backzeit zu kurz. Ofen länger vorheizen, Backzeit verlängern.
- Kruste zu dunkel: Temperatur zu hoch oder zu lange gebacken. Temperatur nach dem Abdecken auf 220 °C (428 °F) senken.
- Krume zu dicht: Zu wenig gefaltet, Teig nicht genug entwickelt, oder Mehl zu schwach. Mehl mit höherem Proteingehalt verwenden (mindestens 11-12 %).
- Bei Raumtemperatur, in Papier eingewickelt oder in einem Brotkasten: 3-4 Tage. Die Kruste wird weicher, die Krume bleibt saftig.
- In Scheiben geschnitten und eingefroren: Bis zu 3 Monate. Einzelne Scheiben nach Bedarf toasten.
- Nicht im Kühlschrank lagern: Brot altert im Kühlschrank schneller (Stärke retrogradiert).
- Teilweise Vollkorn: 100-200 g des Weizenmehls durch Vollkornweizenmehl oder Dinkelvollkornmehl ersetzen. Eventuell 10-20 g mehr Wasser verwenden (Vollkorn absorbiert mehr).
- Saaten und Kerne: 50-100 g geröstete Sonnenblumenkerne, Kürbiskerne oder Sesam nach der Autolyse zugeben.
- Oliven, getrocknete Tomaten, Nüsse: Nach dem letzten Stretch & Fold vorsichtig einarbeiten.
- Type 550: Helles Weizenmehl, mittlerer Proteingehalt (ca. 11-12 %), ergibt helle Krume und milde Kruste. Standard für Weißbrot.
- Type 812: Etwas dunkler, höherer Mineralstoffgehalt, nussigerer Geschmack. Sehr gut für Tartine-Brot geeignet.
- Vollkornmehl: Kann bis zu 20 % des Mehls ersetzen. Macht das Brot herzhafter, aber auch dichter (mehr Kleie stört die Glutenentwicklung).
Nährwerte
📌 Für wen ist dieses Rezept ideal? Tartine Country Bread ist für ambitionierte Hobby-Bäcker, die einmal in ihrem Leben ein Brot der absoluten Spitzenklasse zu Hause backen möchten. Es ist nicht das richtige Rezept für schnelle Werktag-Backens – es braucht insgesamt zwei Tage Zeit (Tag 1: Levain anfüttern abends, Tag 2: mischen, Stretch-and-Folds, Form, Kalt-Gare. Tag 3 morgens: backen). Aber wer den Aufwand betreibt, wird mit einem Brot belohnt, das kein Discounter und keine durchschnittliche Bäckerei je produzieren wird. Geeignet auch für Liebhaber des Slow-Food-Prinzips, für Sauerteig-Enthusiasten, die ihre Technik verfeinern möchten, und für alle, die einmal verstehen wollen, warum «Brot» nicht gleich «Brot» ist.
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